27.03.2013

Homo socialis

Die Zähmung des egoistischen Menschen

Die wirtschaftswissenschaftliche Theorie spricht vom Homo oeconomicus, einem grundsätzlich egoistischen Menschen, der nur zu seinem eigenen Nutzen kooperiert. Der Realität wird diese Theorie nur bedingt gerecht. Zwei Arbeiten von Forschern der ETH Zürich liefern nun neue Erklärungsansätze, wie kooperatives Verhalten entstehen und sich durchsetzen konnte.

Von Fabio Bergamin
"Die Wissenschaftler begannen die Simulation mit ausschliesslich egoistischen Agenten, die dem Homo oeconomicus entsprechen. Nach der Simulation von rund 60 Generationen kippte das Modellsystem von einem eigennützigen in einen sozialen Zustand: Die Mehrheit der Agenten zogen ab diesem Punkt Vor- oder Nachteile des Gegenübers in ihren Entscheidungen in Betracht – es entwickelte sich ein «Homo socialis»
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Es ist bekannt, dass Kooperation entstehen kann, wenn nicht-kooperative Trittbrettfahrer in einer Gemeinschaft bestraft werden. «Voraussetzung dafür ist aber, dass sich Freiwillige finden, die diese Trittbrettfahrer im Eigeninteresse bestrafen», erklärt Diekmann. Das Problem ist als Freiwilligendilemma bekannt: Jemand, der einen anderen bestraft, hat oft negative Folgen zu gewärtigen. Niemand prescht gerne vor, wenn es darum geht, einen Trittbrettfahrer zu bestrafen oder – als konkretes Beispiel – jemanden, der im Zug zu laut Musik hört, um Ruhe zu bitten. Die Frage ist also, ob jemand aktiv wird, statt auf das Eingreifen der anderen zu warten."

Siehe auch:

How Natural Selection Can Create Both Self- and Other-Regarding Preferences, and Networked Minds


Von Thomas Grund, Christian Waloszek & Dirk Helbing

"Biological competition is widely believed to result in the evolution of selfish preferences. The related concept of the ‘homo economicus’ is at the core of mainstream economics. However, there is also experimental and empirical evidence for other-regarding preferences. Here we present a theory that explains both, self-regarding and other-regarding preferences. Assuming conditions promoting non-cooperative behaviour, we demonstrate that intergenerational migration determines whether evolutionary competition results in a ‘homo economicus’ (showing self-regarding preferences) or a ‘homo socialis’ (having other-regarding preferences). Our model assumes spatially interacting agents playing prisoner's dilemmas, who inherit a trait determining ‘friendliness’, but mutations tend to undermine it. Reproduction is ruled by fitness-based selection without a cultural modification of reproduction rates. Our model calls for a complementary economic theory for ‘networked minds’ (the ‘homo socialis’) and lays the foundations for an evolutionarily grounded theory of other-regarding agents, explaining individually different utility functions as well as conditional cooperation."